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Freitag, 21.12.2018

Kommentar

Heißzeit befeuert Sprachhysterie

Das Jahr 2018 geht als das wärmste seit Messbeginn in die Klimageschichte ein. Daraufhin wird das Wort "Heißzeit" zum Wort des Jahres gekürt und Medien greifen den fluffigen Superlativ dankbar auf. Doch genau so kentert die wissenschaftliche Botschaft in Sprachhysterie.

Das Jahr 2018 bescherte uns in Deutschland so viele Sommertage wie nie zuvor seit Messbeginn. Und es war von einer außergewöhnlichen Dürre geprägt.

Der Klimawandel ist ohne Frage eines der großen Probleme unserer Zeit. Und es ist absolut wichtig und richtig auf die Risiken aufmerksam zu machen, die weiter steigende Temperaturen für das Leben auf der Erde bedeuten. Darin besteht unter anderem der Sinn und Zweck von Klimawissenschaften. Nur durch Beobachtung und wissenschaftliche Forschung lassen sich wichtige Erkenntnisse gewinnen und korrekt einordnen. So funktioniert Wissenschaft und so kann sie dabei helfen, unerwünschten Entwicklungen entgegenzuwirken.

Erdgeschichtlich gesehen leben wir gegenwärtig in einer kalten Zeit, genauer gesagt in einem Eiszeitalter. Denn als solches gelten Epochen, in denen die Pole unseres Planeten Eiskappen tragen. Ebenso wie in den eisfreien historischen Warmzeiten gibt es auch innerhalb des aktuellen Eiszeitalters sowohl kältere, als auch wärmere Phasen. Und in einer solchen zwischeneiszeitlichen Warmphase befinden wir uns gerade. Von einer "Heißzeit" kann daher trotz der aktuellen Warmphase zumindest nach Maßgabe wissenschaftlicher Kriterien nicht die Rede sein.

Trotz zurückweichender Gletscher leben wir klimatologisch gesehen immer noch in einem Eiszeitalter. Dessen ungeachtet warnten Klimawissenschaftler während des Dürresommers 2018 vor einer drohenden "Heißzeit".

Was also treibt eine klimawissenschaftliche Institution dazu, Wortschöpfungen wie "Heißzeit" in die Welt zu setzen und was die Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS), diese, obwohl niemand sie spricht, auch noch zum "Wort des Jahres" zu küren? Selbst wenn man der GfdS die Unkenntnis der klimatologischen Zusammenhänge nachsieht, bleibt immer noch Fakt, dass zu einer globalen "Heißzeit" auch globale Hitze gehören müsste. Doch angesichts einer weltweiten Durchschnittstemperatur von knapp 15 Grad ist die Erde von "Hitze" zum Glück weit entfernt.

Vielleicht meinen die Sprachforscher ja nur die vermeintliche Hitze des vergangenen Sommers. Nun, der war zwar in der Tat sehr warm, ja sogar rekordwarm. Doch in Sachen Hitze stand er deutlich hinter anderen Sommern zurück, für die niemandem je in den Sinn gekommen wäre, Begriffe wie "Heißzeit" zu prägen. Das Jahr 2018 war in Deutschland allerdings extrem trocken. Das Wort "Dürrezeit" hätte also im Gegensatz zur "Heißzeit" wenigstens regionale Tatsachen korrekt benannt. Zum trefflichen Klimaschlagwort hätte aber auch das nicht getaugt.

Folge des Dürresommers in Deutschland: Vor allem flach wurzelnde Gewächse hatten es schwer. Regional kam nicht mal die Hälfte der durchschnittlichen Regenmenge zusammen.

Wie man es auch dreht: Die so inflationär durch die Medienwelt geisternde "Heißzeit" hat es zumindest nach wissenschaftlichen Maßstäben nie gegeben. Das Jahr war warm, aber nicht heiß. Nicht bei uns und schon gar nicht weltweit gesehen. So drängt sich der Verdacht auf, dass die Wortschöpfung allein darauf zielt, Wahrnehmung möglichst plakativ zu lenken. Damit ist allerdings zu befürchten, dass sie einer seriösen Debatte mehr schadet als nutzt, denn solche Schlagworte befeuern die sprachliche Hysterie. Der Zweck heiligt eben nicht jedes Mittel.

Ein Kommentar von Jürgen Vollmer, Wetterredaktion

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